Zwischenruf vom 14.09.2026
Audio | 14.09.2026 | Dauer: 00:01:40 | SR kultur - (c) SR
Themen
Mut zum Segnen
„Mein Opa liegt im Sterben“, sagt sie. „Kannst du noch mal kommen?“ „Natürlich, wann passt es dir?“ frage ich. „Morgen früh um neun“, sagt sie.
Sieben Uhr morgens, Anne ruft an. „Er ist heute Nacht gestorben“, sagt sie und weint. Ich habe sofort ein schlechtes Gewissen. Warum bin ich nicht doch noch gestern Abend hingefahren? Warum habe ich diese Chance verpasst, einen Menschen auf seinem letzten Weg zu begleiten, mit ihm zu beten, ihn zu segnen?
„Ich bin so froh, dass ich gestern noch mal bei ihm war“, sagt Anne. „Und weißt du was, Elisabeth? Ich hab an das gedacht, was du immer im Gottesdienst sagst: dass jede und jeder segnen kann und darf. Dass das ein Geschenk ist, das wir weitergeben dürfen. Ich hab mich getraut. Hab mit Opa gebetet, ihm alle seine Lieben aufgezählt und ihn gesegnet – mit der Hand auf seiner Stirn. Das war so schön.“
Mein schlechtes Gewissen wird mit einem Schlag zu Erleichterung und Dankbarkeit. „Ich hätte es nicht besser machen können, Anne“, sage ich. „Echt?“, fragt sie. „Ich glaube sogar, es wäre nicht so passend gewesen wie das, was du gemacht hast.“
Dann höre ich, wie ihr ein Stein vom Herzen fällt – und spüre den Segen als Gänsehaut auf meiner Haut. So kann es sein, wenn wir das Geschenk des Segens annehmen und weitergeben.
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