Glühkirche
Audio | 18.01.2025 | Dauer: 00:04:10 | SR kultur - (c) SR
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Kurz vor Weihnachten drückte mir meine Blumenhändlerin ein kleines Geschenk in die Hand: selbstgemachte Marmelade. Ges¬tern wollte ich sie öffnen und sofort wurde mir warm ums Herz. Auf dem Marmeladenglas stand liebevoll geschrieben: „Glühkir¬che“.
Glühkirche, was für ein schönes Wort!
Meine Blumenhändlerin meinte wohl „Glüh-Kirsche“ - Kirschmarmelade mit etwas Zimt und Nelken. Die schmeckt si¬cher auch im Januar noch himmlisch. Glühkirsche – Glühkirche! Wir sind im Saarland. Da spricht man Worte mit C H ähnlich aus wie Worte mit S C H. Nicht schlimm! Kirsche und Kirche können schon mal durcheinanderkommen.
Nein, ich mache mich nicht lustig. Mir gefällt vielmehr die Idee, in meiner Marmelade wäre tatsächlich Glühkirche. Also - nicht einfach rote Früchte mit Aroma, sondern so eine Art Zaubermit¬tel, das die Kirche zum Glühen bringen kann.
Eine glühende Kirche stelle ich mir vor, als wäre jeden Sonntag Heiligabend. Ein Gotteshaus gefüllt mit Licht und Wärme. Vor allem aber voller Menschen, die gerne hergekommen sind. Men¬schen mit Zeit für Gott und für ihre Lieben. Ein bisschen festlich, ein bisschen fröhlich, ein bisschen offenherziger als sonst.
Eine Glühkirche wäre nicht nur innen angenehm, sie würde auch nach außen ausstrahlen - wie ein Heizpilz auf dem Weihnachtsmarkt. Sie könnte diejenigen ins Licht holen, die im Dunkeln stehen. Und das auch weit über die Feiertage hinaus. Glühen heißt doch, noch lange Wärme auszustrahlen.
Die Realität sieht leider anders aus. Im Dezember ging die Nachricht durch die Medien, dass sich die großen Kirchen in den nächsten Jahren von fast der Hälfte ihrer Gebäude trennen müssen. Manche Stadtteil- oder Dorfkirche wird nicht zu halten sein. Wo die Gemeinde schwindet, da kühlt das Leben aus.
Das ist so schade! Ich wüsste gerne, wie man Glühkirche macht. Dann würde ich ohne Ende Marmeladengläser damit füllen und im ganzen Saarland verteilen. Doch das Patentrezept für einen ausstrahlenden Glauben – ich habe es nicht. Wahrscheinlich gibt es das auch nicht.
Was ich allerdings sehe, sind immer wieder gute Zutaten für eine Kirche, die begeistert. Erlebnisse, die mich ermutigen. Der Leibnizchor St. Ingbert zum Beispiel. Der sang am ersten Januarsonntag das Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach – in Ormesheim! Und dort brachte er die Dorfkirche einmal so richtig auf Temperatur. Schon über eine Stunde vorher strömten Menschen durch die Straßen von Ormesheim und hinauf zur Kirche. Am Ende gab es in St. Mauritius keinen freien Platz mehr. Die Begeisterung von achtzig Sängerinnen und Sänger mitsamt Orchester sprang auf alle über. Nach den hochverdienten „Standing Ovations“ gab es als Zugabe ein Weihnachtslied zum Mitsingen. Die Kirche bebte vom Gesang der über Fünfhundert berührten Menschen. Nein, sie glühte buchstäblich. Und das war schön!
Schöner noch, weil diese Meisterleistung zum größten Teil von Menschen aus dem Saarland zustande gebracht wurde. Erarbeitet in ihrer Freizeit.
Glühkirche, in solchen Momenten wie nach dem Konzert von Ormesheim denke ich, es gibt sie vielleicht doch, die Begeisterung für Gott! Wo Menschen ihre Liebe zur Musik, ihr Engagement und viele auch ihren Glauben zusammen zum Klingen bringen, da kann der Heilige Geist doch nicht fehlen. Das kann doch gar nicht anders als ausstrahlen.
Glühkirche nach original Saarländischem Rezept! Ich werde meiner Blumenhändlerin vom Konzert des Leibnizchores in Ormesheim erzählen. Und vielleicht drücke ich Ihr nächstes Jahr zwei Karten in die Hand. Als Dank für Ihre Glühkirsch-Marmelade.
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